Freiheit

POLYIDEISCH

den Mann besinge mir Muse, den viel gewandten der so weit umhergeirrt nachdem er die göttergeweihte Burg Trojas zerstört hatte

Homer rezitieren

Homer rezitierend stehe ich am kürzlich entstandenen Schwimmteich in meinem Garten, käschernd. Algen und Blätter und ertrunkene sowie lebendige Insekten im Käscher betrachtend denke ich beim Rezitieren.

10 dauerte die Belagerung Trojas und

10 Jahre die Heimfahrt des listenreichen Odysseus.

10 Jahre war ich in Thailand

10 Jahre in diesem Garten, jedes Jahr neue Aufgaben und Ideen.

10 Jahre, wie eine Schema. DezimalAdi

Vor fast 40 Jahren in einem Seminar erhielt ich die Aufgabe zu beschreiben wo ich mich in 10 Jahren sehe und hatte absolut keine Ahnung was ich schreiben könnte. Der Vortragende schlug vor auch einfach nur ein Bild zu zeichnen, immer noch keine Idee. Ich ging hinaus und rollte mir eine Zigarette.

Das half immer, nicht das Rauchen, das Rollen. Vor meinem geistigen Auge erschien schön langsam ein Bild, als das Feuerzeug in meiner Hand die Zigarette anzündete ein kurzer Flash von einem Strand. Beim dritten Zug an der filterlosen Zigarette war das Bild schon klarer und meine Gedanken ordneten sich.

Zurück im Lehrsaal zeichnete ich zwei Palmen, dahinter das Meer und schließlich mich selbst in einer Hängematte, die ich zu diesem Zeitpunkt nur von Bildern kannte. Für einen Fremden war ich in meiner Kugelschreiber-Hängematte vermutlich nicht erkennbar aber darum ging es ja nicht. In spätestens 10 Jahren bin ich frei habe ich gedacht, was immer das auch bedeuten mochte.

Nur wenige Jahre später lag ich, dank eines wirklich gut bezahlten Jobs tatsächlich in einer Hängematte auf einer kleinen abgelegenen Insel in Thailand. Nicht nur auf Urlaub, den gut bezahlten Job habe ich aufgegeben, meine paar Habseligkeiten gepackt und bin einfach ohne weit zu denken, nach Thailand gezogen. Freiheit, endlich, dachte ich mir schon wieder.

Wenn ich heute daran zurückdenke fällt mir Mutter ein, die gesagt hat: immer gibst du so gute Jobs auf, was soll mal aus dir werden? Ich antwortete nur: wenn ich meinen ersten guten Job behalten hätte, dann hätte ich diesen Job nicht gefunden oder dies nicht erlebt oder das nicht gesehen. Ohne Ende kein neuer Anfang, sagte ich, ohne die geringste Ahnung dessen was ich bis zum heutigen Tag alles zu erleben hätte. Ohne Vorstellung davon, wie so ca. alle 10 Jahre mein Leben eine große Veränderung erfahren würde. Mir scheint es wird wieder Zeit, was kommt  als Nächstes? Bin ich durch Vipassana schon in eine neue Richtung unterwegs ohhne es zu realisieren?

Jeden Tag hatte ich neue Ideen, war von allem sofort fasziniert, konnte aus finanziellen Gründen Vieles erst gar nicht beginnen und wurde auch bald wieder von neuen Herausforderungen abgelenkt. Ob das jetzt etwas unmögliches wie ein Perpetuum mobile war oder Shaolin Priester in China zu werden oder Dinge die ich wirklich erreichen hätte können wie Mode Designer oder Formel 1 Mechaniker.

MEINE GRÖSSTE KONSTANTE WAR STETS DIE VERÄNDERUNG

Mutter hat sich oft über mich gewundert, woher ich all diese Ideen und Vorstellungen habe, die können doch niemals auf meinem Mist gewachsen sein. Ich verstand sie erst viel später. Sie wuchs auf in den 30ern des letzten Jahrhunderts, erlebte den 2ten Weltkrieg und damals war es oft besser so zu denken wie alle, nicht dagegen denken und schon gar nicht laut denken, das konnte unter Umständen ziemlich gefährlich werden in jener Zeit. Freiheit war damals stichwörtlich wörtlich gemeint. Wer frei dachte oder gar offen darüber sprach was sie dachte, konnte schnell sehr  unfrei werden und einfach verschwinden, meist mitten in der Nacht. Ihr Leben war praktisch vorgezeichnet, Schule, Ausbildung, Heirat, Kinder und optimalerweise ein Haus bauen. Was will man mehr? Die Sicherheit zu wissen was auf einem zukommt war entscheidend. 

Meine Schulbildung war miserabel, nicht nur der Lehrer wegen. Mich interessierten eben andere Dinge. Ich wollte selbst aussuchen was ich lernen will. Meine Faszination für Mathematik erkannte ich erst fast zwei Dekaden nach der Schule und sie verschwand genauso schnell wie sie auftauchte. Geschichte wurde erst interessant als ich Zusammenhänge erkannte und verstand wie oft sie sich immer und immer wieder wiederholt. Geographie lernte ich so nebenbei, learning by doing sozusagen. Lankarten faszinieren mich bis zum heutigen Tage und die vielen Reisen halfen mir sehr beim Lernen von richtigem Englisch. Danach lernte ich sogar Thai in Wort und Schrift. Das völlig anders aufgebaute Alphabet – eigentlich ein Abugida – betrachtete ich wie ein Spiel, man muss nur die Regeln kennen. Das griechische Alphabet lernte ich aus purer Neugier und Kurrentschrift wegen der Taufregister zur Ahnenforschung. Viel später kam noch das arabische Alphabet dazu wegen einer sehr aussichtsreichen Stellenbewerbung. Hier bot sich an was ich schon versuchen wollte als meine Kinder schreiben gelernt haben. Nämlich mit der linken Hand zu schreiben, und heute ist Ambidexteritie meine Konzentrationsübung. Eines ergab das Andere, bin schon gespannt was mich in Zukunft noch so alles faszinieren wird, was meine nächste Herausforderung sein wird. Das ist die Freiheit neugierig zu sein weiß ich heute. Aber ist das auch Freiheit?

Nach der Schule, die meine Neugier zum Glück nur leicht beschädigte zog ich nach Wien. Das erste Mal frei dachte ich als ich meine erste Wohnung einrichtete und mehr oder weniger von der Hand im Mund lebte. Ich konnte selbst entscheiden ob ich heute zur Arbeit gehe oder nicht, auch auf die Gefahr hin gekündigt zu werden. Erwerbsarbeit zu finden war sowieso nie das Problem, denn irgendwas findet sich für jeden der bereit ist. Jedes mal wenn genug Geld beisammen war, war ich kurz darauf unterwegs. Moped, Motorrad und dann Auto, so richtig klassisch. Italien war mein Lieblingsziel. Der Zug wurde mir dann zum bequemsten Reisemittel, Flugreisen waren noch recht kostspielig.

Unterwegs zu sein war so faszinierend. Meine Gier nach Neuem war beinahe unerschöpflich. Das ist Freiheit dachte ich mir schon wieder, das ist echte Freiheit.

Denn bis zu meinen ersten selbständigen Reisen, ob in Europa oder Asien, war Freiheit immer verbunden mit dem Gefühl dieser einen Nacht im Freien, keine 10 Minuten vom Elternhaus. Mad und ich wollte einfach nur unter freiem Himmel übernachten. Ein Schlafsack, 4 oder 5 Zigaretten und ein Kasettenrekorder war alles was wir brauchten. Wasserquellen gab es in unserer Gegend überall und waren Petflaschen unbekannt.

Als wir früh morgens wegen eines besorgten Nachbarn von der Polizei geweckt wurden freuten wir uns, nicht viel früher entdeckt worden zu sein. Beim Packen der Schlafsäcke lief Neil Young im Kasettenrekorder. Nicht mehr ganz rund weil die Batterien schon am Ende waren, aber nichts desto trotz muss ich heute noch immer, wenn ich an Freiheit denke, an diese Nacht im hohem Gras unweit von der protestantischen Kirche denken. Freiheit nicht definiert, sondern als Gefühl ungebunden zu sein, tun und lassen zu können was mir gerade einfällt. Niemand sagt dir wann oder ob du Zähne putzt oder wann das Licht ausgeht. Das ist Freiheit, echte Freiheit dachte ich damals.

Immer wieder änderte sich meine Richtung, ja auch rückwärts und zurück bin ich gegangen, den doppelten Weg manchmal. Weil ich unterwegs mit dem Motorrad, Landkarten eher wie Richtlinien für den ungefähren Weg zum Ziel sehe, biege gerne mal wo anders ab. Unnötig würde mancher sagen, was daraus gelernt sage ich mir selber, was Neues gesehen. Von der Gesellschaft habe ich gelernt mich zu ärgern wenn etwas nicht so passiert wie man es vorgehabt hat. Aber meine Freiheit und meine Neugier haben mir dann wieder Dinge gezeigt die ich auf dem geraden Weg nie gesehen hätte. So viele Stationen im Leben haben mir immer wieder bestätigt was wirklich zählt. Nicht um eine bestimmte Zeit anzukommen ist wichtig, oder überhaupt anzukommen, sondern der Weg ist es. Wenn ich an das Ziel denke, sehe ich den Weg nicht und verpasse die besten Dinge.

Freiheit wurde mir immer und überall angeboten, in allen nur erdenklichen Farben und Formen. Auf einem Poster mit unglaublichen Orten, die nur ein Gefühl vermitteln. Es wird mir auch mit einer Versicherung angeboten, in einem Deo oder auch in einem Auto. Die Freiheit spüren, heißt es dort, oder die Freiheit leben. Mir war stets bewusst, dass das nur Marketing ist, habe es auch immer sofort durchschaut aber irgendwie kriegt man sie alle, sogar mich. Einen Alfa fahren, ein Kindheitstraum seit ich meinem großen Bruder geholfen habe seine Alfas zu polieren. Heimlich bin ich schon mit 15 Jahren die Giulia meines Vaters gefahren.

Die versprochene Freiheit habe ich zwar nicht gespürt, Spass machte mir mein Alfa deshalb nicht weniger und mit seiner Hilfe machte ich mich auf die Suche für mein nächstes Projekt. Die Kinder sind bald aus dem Haus, was jetzt?

Ich dachte nicht an Freiheit auf meiner beinahe 3 Jahre langen Suche nach einem Grundstück, Selbstversorgung, und jetzt aber richtig frei sein, zumindest für einen Teil des Jahres war mein Plan. Also stelle ich meinen Alfa ab, gehe mehr zu Fuß, fahre mit der Bahn und Fahrrad. Werde beinahe zum Einsiedler, denn die anfängliche.

Die Arbeit wurde immer mehr, der Garten nimmt sich einfach den Rest meiner freien Zeit. Gern gebe ich sie ihm auch heute noch weil die Faszination nicht nachgelassen hat. Die Vorbereitung des Bodens, das Mähen mit der Hand sowie Umsetzung von Kompost sind schwere körperliche Arbeiten wenn sie ohne Maschinen erledigt werden. Bei 2500 Quadratmetern geht mir die Arbeit nicht aus und doch bin ich jeden Tag aufs Neue begeistert wenn ein von mir gesäter Samen aufgegangen ist oder eine neue, mir unbekannte Pflanze mich überrascht.

Vom Samen zur Pflanze, entstehendes Leben. Samen faszinierten mich von Tag zu Tag mehr als röhrende Motoren oder Reisen. Unglaublich wie aus dem kleinen Ding Leben entsteht und welche Vielfalt es gibt. Es gibt unzählige unterschiedliche, wunderschöne und unglaubliche Arten, ich werde bestimmt nie alle kennen lernen.

Ein wesentlicher Unterschied zu meinem Leben wurde mir trotz aller Faszination bald klar. die Freiheit zu wählen was er werden könnte hat der Samen nicht. Aus einem Gurkensamen kann kein Maronibaum wachsen, auch wenn er sich noch so anstrengen könnte, es werden immer Gurken sein und immer die selbe Art von Gurken. Alles ist gespeichert, vorbestimmt und unveränderlich, schon vor der Keimung steht fest welche Eigenschaften die Pflanze haben wird.

Ich kann bis zu einem bestimmten Grad wählen (erinnerung: link einbauen zu My mind matters most) was ich tun will. Ob ich etwas Neues anfangen will und ob ich es zu Ende bringe.

Wer sich strikt an die vorgegebenen Erwartungen hält und es nicht wagt anders zu denken wird viel verpassen und sich im Alter eventuell ein anderes Leben wünschen und sentimental auf die gute alte Zeit zurück blicken. Du solltest aber nicht vergessen, es ist nie zu spät was Neues zu lernen wenn du wirklich wirklich willst.

Vipassana lehrte mich das erneut im Alter von 61 Jahren auf eine ganz andere Weise: Alles verändert sich. Anicca aus dem Pali bedeutet Vergänglichkeit, nichts bleibt wie es ist, alles ändert sich ständig und unaufhörlich.Vielleicht ist genau das die eigentliche Freiheit. Nicht festzuhalten, nicht zu glauben, angekommen zu sein, sondern bereit zu bleiben, sich zu verändern. Aus diesem Grund begann ich dann erst bei der Gartenarbeit so richtig über Freiheit nachzudenken, sie zu erforschen, zu fragen was Freiheit ist, wie sie definiert wird. Freiheit ist kein Zustand wird mir klar. Weg vom Gefühl eine Freiheit erleben zu wollen oder von einer bestimmten Freiheit zu träumen ging ich tiefer und tiefer um zu erkennen, die absolute Freiheit gibt es nicht.

Schon allein die Existenz setzt Grenzen. Wir müssen schlafen, essen und sterben. Wir leben in Gesellschaften mit Regeln und Gesetzen. Und wir tragen unsere eigenen Gewohnheiten, Ängste und Prägungen ständig mit uns herum. All das schränkt uns alle ein, Freiheit beginnt dort, wo ich innerhalb dieser Grenzen bewusst wählen kann. Das zu tun was mir zusagt, nicht der Gesellschaft, nicht den Obligationen folgen. Sondern im Rahmen meiner Möglichkeiten bleibend meinen Ideen zu folgen und bereit zu ein die Verantwortung dafür zu übernehmen. Und da kommt die Sicherheit ins Spiel. Ohne Sicherheit keine Freiheit und umgekehrt. Es geht um die optimale Dosierung, zu viel Sicherheit schränkt meine Freiheit ein und zu viel Freiheit mit sehr wenig Sicherheiten kann recht gefährlich werden.

Also ist Freiheit eigentlich nicht der richtige Ausdruck den ich suche, jedenfalls nicht die Freiheit die kommerziell in Produkten angeboten wird, oder die Freiheit von der die meisten träumen, nämlich genug Geld zu haben um sich alles leisten zu können. Was ich meine ist etwas völlig anderes und ist mir erst nach vielen Stunden der Meditation in den Sinn gekommen. Es ist das Gefühl zu leben. Mit jeder Faser meines Körpers und natürlich im Bewusstsein gerade diesen Moment mit allen Sinnen wahrzunehmen, das ist es was ich immer wollte ohne es definieren zu können. Das sind entweder kurze Momente des intensiven Spürens, oder waren unbewusste Momente in der Vergangenheit in denen ich alles um mich herum vergaß und nur ich selbst war. Manchmal auf dem Motorrad, ein anderes Mal beim Lernen eines neuen Alphabets oder wenn ich mich selbst vergesse bei der Gartenarbeit. Jeden Moment den ich bewusst erlebe ist wovon ich spreche und wenn ich davon spreche verschwindet er wieder genau in dem Moment, in dem ich versuche, ihn zu erkennen, ihn zu definieren.

Wenn das Freiheit ist, war ich mein ganzes Leben lang frei, und das Geheimnis dabei war nur die Neugier niemals zu verlieren. Niemals.